Die Schweizer Verkehrspolitik steht vor einer tiefgreifenden Transformation. Während die Schweiz seit Jahren als Vorreiter in der Umweltpolitik gilt, wird die E-Mobilität und autonome Fahrzeuge zunehmend zu den entscheidenden Hebeln für eine nachhaltige Mobilität. Doch während die Technologie rasant voranschreitet, fehlt es an klaren Strategien und politischen Rahmenbedingungen, die diesen Wandel gezielt steuern können. Die Frage ist nicht mehr, *ob*, sondern *wie* die Schweiz ihre Verkehrswende gestalten wird – und welche Chancen und Risiken damit verbunden sind.
Laut dem Bundesamt für Verkehr (BAV) waren im Jahr 2022 rund 1,2 Millionen Elektroautos in der Schweiz zugelassen, was einem Anstieg von über 30 Prozent gegenüber 2020 entspricht. Doch trotz dieser Dynamik bleibt der Ausstoss von CO₂ im Verkehr weiterhin ein zentrales Problem. Die Schweiz will bis 2030 die Emissionen im Verkehr um 50 Prozent reduzieren – doch ohne radikale Veränderungen in der Infrastruktur und der Nutzung wird dies kaum gelingen. Die Herausforderung liegt darin, E-Mobilität nicht nur als Alternative zu fossilen Brennstoffen zu sehen, sondern als Teil eines ganzheitlichen Systems, das auch den öffentlichen Verkehr, das Radfahren und die Mobilitätsdienste neu denkt.
Ein Schlüssel zum Erfolg liegt in der Weiterentwicklung der Ladeinfrastruktur. Aktuell gibt es in der Schweiz rund 40.000 öffentliche Ladepunkte, doch viele Regionen, insbesondere ländliche Gebiete, sind noch unterversorgt. Die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) hat gezeigt, dass eine flächendeckende Ladeinfrastruktur mit intelligenten Netzwerken und dynamischen Preismodellen die Akzeptanz von E-Autos deutlich steigern könnte. Gleichzeitig müssen die Batterietechnologien weiterentwickelt werden, um die Reichweite und die Ladegeschwindigkeit zu verbessern – besonders für Langstreckenfahrten, wo die aktuelle Reichweite von E-Autos oft noch ein Hindernis darstellt.
Autonome Fahrzeuge könnten den Verkehr in der Schweiz grundlegend verändern. Die Schweiz ist einer der ersten Länder, die mit Pilotprojekten wie dem „Autonomen Verkehrskonzept“ experimentiert. Das Projekt testet autonome Shuttles in der Region Zürich und in Genf, wobei die Fahrzeuge bereits heute auf ausgewiesenen Strecken sicher fahren. Doch die rechtlichen und ethischen Fragen bleiben ungelöst. Während die Schweiz als Vorreiter gilt, gibt es noch keine einheitliche Regelung für autonome Fahrzeuge auf den Schweizer Strassen. Die Eidgenössische Kommission für Technologie- und Innovationspolitik (KTI) betont jedoch, dass die Schweiz hier eine Führungsrolle einnehmen kann, wenn sie die notwendigen Rahmenbedingungen schafft.
Ein weiterer kritischer Punkt ist die Interoperabilität zwischen verschiedenen Mobilitätsangeboten. Die Schweiz hat mit dem „Swiss Mobility Card“-Projekt versucht, verschiedene Verkehrsmittel unter einem Dach zu bündeln, doch die Umsetzung bleibt unvollständig. Hier könnte die Digitalisierung und die Integration von E-Mobilität, autonomen Fahrzeugen und dem öffentlichen Verkehr den Unterschied machen. Laut einer Studie des Instituts für Raumplanung der ETH Zürich könnte eine solche Vernetzung den Individualverkehr um bis zu 20 Prozent reduzieren, wenn sie gut geplant und umgesetzt wird.
Die Schweiz steht vor einer einzigartigen Chance, die Verkehrswende aktiv mitzugestalten. Doch dies erfordert nicht nur technologische Fortschritte, sondern auch eine klare politische Strategie. Die Schweiz muss die E-Mobilität fördern, die Ladeinfrastruktur ausbauen und gleichzeitig die rechtlichen Hürden für autonome Fahrzeuge senken. Gleichzeitig sollte sie den öffentlichen Verkehr und die Radinfrastruktur weiter stärken, um eine nachhaltige und lebenswerte Mobilität für alle zu schaffen. zum artikel
Die Frage ist nicht mehr, ob die Schweiz diese Transformation schafft, sondern wie schnell sie handelt. Die Zeit für zögerliche Ansätze ist vorbei. Wer jetzt nicht aktiv wird, riskiert, dass andere Länder die Vorreiterrolle übernehmen – und dass die Schweiz im Wettlauf um die Zukunft der Mobilität überholt wird.