Die Schweiz steht vor einer tiefgreifenden Herausforderung: Sie will bis 2040 klimaneutral werden – und dabei gleichzeitig ihre Energieversorgung stabil halten. Doch während die Diskussion über erneuerbare Energien oft um Windräder und Solaranlagen kreist, spielt ein oft übersehener Baustein eine entscheidende Rolle: die Dämme. Sie sind nicht nur Schutz vor Hochwasser, sondern auch Schlüssel für die Speicherung von Wasserenergie – und damit für die künftige Energieversorgung des Landes. Doch wie funktioniert das genau, und welche Herausforderungen müssen gelöst werden, bevor diese Dämme zur Energiewende-Dynamo werden können?
Wasserenergie: Der oft vergessene Speicher der Zukunft
In der Schweiz wird etwa 60 % des Stroms aus Wasserkraft gewonnen – und dieser Anteil steigt. Doch die meisten Kraftwerke sind an bestehende Stauseen angeschlossen, die oft seit Jahrzehnten genutzt werden. Neue Projekte wie der Oberaar-Stausee zeigen, wie man auch in alpinen Regionen Speicherkapazitäten erweitert. Der Oberaar-Stausee, der 1964 in Betrieb ging, ist einer der größten Bauten der Schweiz und liefert jährlich rund 1,2 Milliarden Kilowattstunden Strom – ein Beweis, dass auch in dicht besiedelten Gebieten noch Potenzial besteht. Doch die meisten neuen Projekte stoßen an Grenzen: Die Schweiz hat kaum noch freie Flächen für neue Stauseen, und die ökologischen Auswirkungen auf die Flüsse sind ein ständiges Thema.
Hier kommen die Dämme ins Spiel, die nicht als reine Hochwasserschutzbauwerke, sondern als multifunktionale Energiespeicher konzipiert werden. Projektideen wie der „Damm der Zukunft“ in der Region Thun oder die Pläne für eine neue Speicheranlage bei Uetliberg zeigen, wie man alte Dämme umbauen oder neue mit integrierten Turbinen ausstatten kann. Besonders spannend ist die Idee, Dämme mit Pumpspeicherkraftwerken zu kombinieren: Durch die Nutzung von Höhenunterschieden und der Speicherung von Wasser in tieferen Becken lassen sich große Mengen Strom bei Bedarf abrufen – ähnlich wie bei den großen Pumpspeichern in den Alpen.
Die ökologischen Dilemmata: Zwischen Strom und Schutz
Doch für diese Vision gibt es massive Widerstände. Ökologisch gesehen sind viele bestehende Stauseen problematisch: Sie behindern die Migration von Fischarten, verändern die Fließgewässer und können sogar ganze Ökosysteme zerstören. Die Schweiz hat daher strenge Umweltauflagen – und viele Projekte scheitern an den Genehmigungen. Ein Beispiel ist das umstrittene Projekt „Limmern“, bei dem ein neuer Stausee geplant war, der gegen den Widerstand von Naturschützern und Fischereiinteressenten stand. Erst nach jahrelangen Diskussionen und ökologischen Studien wurde das Vorhaben 2021 eingestellt, weil die ökologischen Risiken zu hoch eingeschätzt wurden.
Doch es gibt auch Fortschritte: Neue Technologien wie Fischtreppen oder künstliche Riffstrukturen in den Stauseen helfen, die ökologischen Schäden zu minimieren. Gleichzeitig fordern Experten wie der Hydrologe Thomas Egger von der ETH Zürich, dass man nicht nur auf neue Stauseen setzt, sondern auch auf die Optimierung bestehender Anlagen. Durch moderne Sensoren und KI-gestützte Steuerungssysteme lassen sich die Turbinen effizienter betreiben und so mehr Strom aus dem gleichen Wasservolumen gewinnen.
Politische Weichenstellungen: Wer zahlt die Kosten?
Die Energiewende durch Wasserkraft ist nicht nur eine technische, sondern auch eine politische Herausforderung. Die Kosten für neue Speicheranlagen liegen oft im Millionenbereich – und wer trägt sie? Während die Strompreise in den letzten Jahren stiegen, bleibt die Frage, ob die Investitionen in die Infrastruktur fair verteilt werden können. Einige Experten argumentieren, dass die Schweiz hier eine Rolle als Vorreiter spielen muss, doch andere warnen vor einer Überlastung der Haushalte. Ein aktuelles Beispiel ist die Debatte um den Ausbau der Stromnetze: Ohne ausreichend Kapazitäten könnten neue Wasserkraftwerke nicht effizient genutzt werden, selbst wenn sie gebaut wären.
Ein weiterer Punkt ist die internationale Abhängigkeit: Die Schweiz ist zwar autark in der Stromerzeugung, doch viele der geplanten Projekte sind auf grössere Flächen angewiesen, die oft im Ausland liegen – etwa in Italien oder Frankreich. Hier könnte eine stärkere Kooperation mit Nachbarländern helfen, die Energiespeicherkapazitäten zu teilen. Doch bis dahin bleibt die Frage offen, wie die Schweiz ihre Energieversorgung sicherstellen kann, ohne die Umwelt zu zerstören oder die Bürger:innen zu überfordern.
- Die Schweiz produziert rund 60 % ihres Stroms aus Wasserkraft – mehr als jeder andere europäische Staat.
- Der Oberaar-Stausee liefert jährlich 1,2 Milliarden Kilowattstunden Strom und ist einer der größten Bauten der Schweiz.
- Allein in den letzten 10 Jahren wurden in der Schweiz über 30 neue Wasserkraftwerke mit einer Gesamtleistung von 1.200 Megawatt genehmigt.
- Die ökologischen Auswirkungen von Stauseen führen zu einem ständigen Konflikt zwischen Energiebedarf und Naturschutz.
- Die Kosten für neue Speicheranlagen liegen im Durchschnitt zwischen 2 und 5 Milliarden Franken pro Projekt.
Die Energiewende der Schweiz wird also nicht nur durch Windräder und Solaranlagen geprägt sein. Die Dämme der Zukunft könnten den Schlüssel liefern – wenn sie gelingen. Doch ob die Schweiz diese Herausforderung meistert, hängt davon ab, ob Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gemeinsam an einer Lösung arbeiten. Denn eines ist klar: Ohne diese Speicher wird es schwer, das Ziel der Klimaneutralität bis 2040 zu erreichen – und die Schweiz hat hier eine einzigartige Chance, Vorreiter zu sein.